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Groß und klein, ein Theaterstück von Botho Strauss. Szenen aus dem Leben einer jungen Frau (Lotte), die kreuz und quer durch Deutschland fährt auf der Suche nach ihrem Mann, nach Freunden, nach einem Halt, nach Verständigung. Sie landet, krank ohne Symptome einer Krankheit, im Sprechzimmer eines Arztes, der sie sanftermahnend wieder nach Hause schickt. Wer einen Körper hat ohne Ausschlag und ohne Wunden gehört nicht in die Pflege der Medizin. Dabei ist dieser Körper mit Wunden und Beulen überzogen, die sich die Frau im Umgang mit Menschen geholt hat: Sie will raus aus ihrem Körper und ihrer Existenz und eckt beständig an, ohne es selbst noch zu merken.

Dieses Stück lief vor einigen Jahren bei uns im Theater. Dem ersten Sehen des Stückes, folgten noch weitere 7 mal. Ich habe damals nicht begriffen was mich daran so in seinen Bann zieht, heute beginne ich es zu erahnen. Die Einsamkeit der Menschen, vielleicht auch die selbst auferlegte Einsamkeit!?

Hier ist meine Lieblingsszene:

Monolog Lotte

Wo -
hin?

So wie ich hier sitze,
müsste ich längst gegangen sein.
Ich darf nicht vergessen,
dass es mich zum Gehen drängst,
so wie ich hier sitze.

Frieder ist gegangen
und Nichtfrieder ist gegangen.
Egbert ist gegangen
und Inge ist gegangen.
Sören und der Türke ist gegangen.
Wilhelm, Meggy, Pechstein
und Karin sind es.
Zuletzt ging Paul.

Norden Süden
Osten Westen
Nordost
Nordnordost
undurchdachte Ferne.
Ein Grad ein Strich
Falls verstorben
Dann Himmel oder Hölle
Buch oder Meer –
ich wüsste nicht,
wo sie sonst noch stecken könnten.
Die Windrose
und die Rose der Windstille noch dazu:
mehr gibt es ja nicht.
Das ist das ganze Daseinsrund.
Oder Oval.

Paul blieb nicht.
Das Zimmer blieb nicht.
Bernd und Schwester Annegret
blieben nicht.
Borgward, Vater und Clown Grock
blieben nicht.
Ja, hier im Buch
blieb nicht einmal die Schrift der Gäste.
Die Schrift blieb nicht.
Ich sitze gründlich äußerst im Freien!
So weiß wie das Buch
darf ich nicht werden.
Ich aber nicht!
Wenn erst die blinden Seiten weiter um sich greifen –
dann aber gottbefohlen, mein Missliebchen.

Wo-
hin?
Jeder Schritt kann der falsche sein.
Wohin in dieses Überall?
Äußerst frei, äußerst frei.
Gründlich.

Gesetzt, ich ginge Paul zu suchen.
Gesetzt, ich wüsste, wo beginnen...
Nein. So gedacht, komm ich nicht hoch.
So gedacht, kommt keine Sterbliche
vom Sitzen ins Gehen.
Vorsicht, Missliebchen, Vorsicht!
Gedacht ist gedacht.
Sowas lässt sich nicht schwärzen
wie eine verbotene Zeile im Buch.
Solange aber ich es bin, die denkt,
kann es nur falsch sein.
Oder mit Pauls Worten:
Bleibe still hier sitzen,
rede niemals vor dich hin.
Wir alle kommen bald zurück.
Gut, gut.
So sag ich denn zu allem, was ich denke,
nein!

Früher, wenn ich einmal
so gar nicht vergessen konnte,
war mir Emilie eine gute Stütze.
Emilie ging vor Karl.
Karl ging vor Dorothee.
Dorothee ging vor Johann.
Zuletzt ging Paul.

Dich liebe ich.
Dich liebe ich!

Könnte er mich hören?
Je nach dem.
Im Westen vielleicht.
Im Westen sind es,
von mir aus gesehen,
nicht mehr als rund achttausend Kilometer
bis ans Ende des Westens,
wo Amerika aufhört und der Osten beginnt.
Im Westen könnte Paul mich hören,
könnte! Wenn auch leise, wenn auch kaum.
Vielleicht ein Wispelpispel würd er merken
und es dann für seine innere Stimme halten.
Sein Piepsstimmchen,
auf das er sowieso nicht achtet.
Tja, das sagt sich so.
Wie es wirklich ist,
weiß niemand.

Natürlich kommt keiner zurück.
Redensart.
Bis heute nicht.
Nicht einer.
Woher?
Gehen ist Gehen und Gehen.
Die Dinge lösen sich.
Soviel weiß die Forschung.
Oder, bitte, das Gästebuch.
Buch verliert Schrift!
Oder der Mund.
Mund verliert Rouge.
Die Dinge lösen sich.

Der Acker verliert seine Saat.
Der Tod verliert seine Toten.
Die Dinge, die zusammenpassen,
haben sich satt und fliegen auseinander.
So wie das All ganz allgemein.
Es explodiert unendlich langsam vor sich hin.
Wir fallen nicht, wie oft geträumt,
wie fliegen aufwärts auseinander.
So gesehen, bekommen die Dinge jetzt
erst ihr eigentliches Gewicht.
All und Überall, aufwärts
auseinander!
Weshalb sich gegen die allgemeine Entwicklung stemmen?

Hörst du? Stuhl!
Wach auf! Alter! Fauler!
Nur du und ich, wir sitzen hier noch fest.
Du auf Erden, ich auf dir.
Die Entwicklung hat uns überrollt, sagst du?
Noch lange kein Grund sich gehenzulassen, Alter!
Irgend etwas muß der Mensch doch immer wollen!
Irgend etwas hat die Stunde doch immer geschlagen!

Kling Klang Gloria
Oh du schöner Himmel, immer wieder einmalig!
Und Wolken, nasse Bäuche, Luftfahrtschau!
Kling Klang Gloria
Der Himmel heute liegt als eine Höhle rund um uns,
ein Schoß, ein Garten,
und wir, die kleine Erde, kommen morgen erst zur Welt.
Kling Klang Gloria

Weiß Lotte nicht,
was Lotte sagt?

Nein, gnädiger Herr, ach...
Eure Braut, die Missliebige, weiß es nicht mehr.

Du nennst dich meine Braut?

Ich sagte es nur aus Höflichkeit,
allmächtiger Vater.
Ich wusste nicht, das Ihr schon so in der Nähe seid.

Achgott, bei mir sieht es chaotisch aus...
Nein, bitte, lasst mich!
Ich bin nicht die, für die Ihr mich haltet.
Hab mich eben nur verplappert.
Na und? Und mir nichts gedacht dabei.
Ich schwör’s, nichts davor und nichts dahinter.
Näher dürft Ihr mir aber nicht kommen,
Ehrwürdiger Schöpfer, ich bitte Euch.
Ich kann Euch weder Schale noch Kelch sein,
und auch kein anderes Gefäß,
Ihr wünschtet denn, ich zerspränge
und ich platzte aus all meinen Nähten.
Euch kann ich nicht auch noch aushalten!
Dazu bin ich nicht stark genug...
Oh nicht dieses Gelb!
Gelb ist miene Schreckensfarbe!
Nicht diese gelbe Erleuchtung!
Nehmt die Josefine oder die Meggy,
die kann in Händen lesen,
aber ich doch nicht!
Ich bin unwürdig!
Oh Herr, das soll meine Strafe sein?
Nur weil ich ein bisschen vor mich hingeredet habe?
Was soll ich denn tun?
Warum habt Ihr alle die anderen fortgeschickt?
Warum?
Was?!...Versteh nix.
Laßt mich! Fort! Irrtum! Falsch verbunden!
Nein!...Hilfe, Hilfe!

Das Buch, das Buch...
So leer es ist, so schwer es blieb.
Faß mich nicht an! Geh weg!

Faß mich nicht an!

Ich glaube nicht,
dass ich ihn abschütteln konnte.
Er dringt hin, wo er will.
Wahrscheinlich ist er schon da, wo er hin wollte.

Blut!...Was blute ich am Rücken?
Am Rücken war doch nichts...

Glaube Liebe Hoffnung
Glaubeliebehoffnung: Nein!

Er kriegt mich klein...!
Ich sehe es kommen, er kriegt mich noch klein.
Oh wie habe ich nicht aufgepasst!
Erst alle fortschicken
und dann auf mich losgehen...
Erst alle fortschicken
und dann an mir sein Wirkwerk langsam beginnen...

Oh nein...Oh nein.



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